Donnerstag, 16. November 2017

Was ist eigentlich Erleuchtung?

Eine Spurensuche nach einem Versprechen.


1. EINLEITUNG
 

Die Frage, was im buddhistischen Sinne „Erleuchtung“ ist, beschäftigt mich seit Jahren. Um mir hier Klarheit zu verschaffen, befragte ich deshalb schon früh viele alte Hasen aus der buddhistischen Welt, denen ich eine gewisse spirituelle Reife unterstellte. Ich nahm an, dass sie wissen, wovon sie sprechen würden. Zu meinem Erstaunen erhielt ich sehr unterschiedliche Antworten auf meine Frage. Wurde mir von einem Zen-Meister erläutert, dass Erleuchtung die Erfahrung und das Wissen über die Aufhebung von Dualismus bzw. als das Wissen um das Nichtvorhandensein von Dualismus in unserem Dasein zu verstehen ist, so beschrieb mir ein bekannter Meditationslehrer Erleuchtung als die völlige und dauerhafte Abwesenheit von leidvollen Erfahrungen. Wieder ein anderer Zen-Lehrer meinte, dass Erleuchtung kein einmaliges Erlebnis sei, sondern immer wiederkehrende helle Momente der „Klarsicht“. Und eine von mir interviewte Theravada-Nonne sprach, gemäß den alten Schriften, von mehreren Entwicklungsstufen, die der Praktizierende zu durchlaufen habe bis zur völligen Freiheit von Begehren, Dünkel, Rastlosigkeit und Unwissen. Was denn nun? Die Verwirrung setzte sich fort, als ich Literatur zum Thema heranzog. In jedem Buch, in jedem Artikel stand etwas anderes. Deshalb begann ich, die Informationen zu systematisieren. Denn wenn es nicht die eine Antwort gab, so mussten die verschiedenen Deutungsvarianten doch zumindest einen gemeinsamen Kern haben, nahm ich jedenfalls an. So entstand der vorliegende Blog-Artikel.

Zum Einstieg möchte ich einen kurzen Seitenblick auf die Erleuchtungsvorstellungen anderer Religionen und nicht-buddhistischer Kulturen werfen. Aus religionsgeschichtlicher Sicht haben sich ohnehin viele Vorstellung in gegenseitiger Abhängigkeit, religions- und kulturübergreifend, entwickelt.



Soweit ich es derzeit überblicke, ist ausnahmslos das Ziel jeder traditionellen Spiritualität „Erleuchtung“, „Erwachen“ oder die „Erlösung“. Der Begriff der Erlösung, der uns in den abrahamitischen Religionen begegnet, ist von der „Erleuchtung“ bzw. vom „Erwachen“ im Buddhismus aber abzugrenzen. Und auch die Begriffe „Erleuchtung“ und „Erwachen“ meinen jeweils etwas Abweichendes. Dennoch werde ich „Erleuchtung“ und „Erwachen“ stellenweise synonym verwenden, da die Unterschiede hier nicht so groß sind. Im Grunde meint der Westen „Erwachen“, wenn er im buddhistischen Kontext von „Erleuchtung“ spricht. Das entsprechende Sanskrit-Wort „bodhi“ wurde im Westen zunächst mit „Erleuchtung“ übersetzt und hat sich so etablieren können. Aber eigentlich meint „bodhi“ „Erwachen“. Worin genau die Unterschiede bestehen, werde ich im Folgenden noch erläutern. Grundsätzlich aber stehen hinter diesen drei Begriffen, „Erleuchtung“, „Erwachen“ und „Erlösung“ sehr ähnliche Hoffnungen: die Erwartung der Leidhaftigkeit der eigenen Existenz zu entrinnen, lebensumgestaltender Offenbarung teilhaftig zu werden, den Lebenssinn erkennen, Einsicht in die letzte Realität der Dinge zu erhalten. Es geht um Heil und um Vollkommenheit und immer um Veränderung. Um ein Heraustreten aus der aktuellen Situation.


Dies ist ein aufwendiges und anspruchsvolles Unterfangen. Ein Ziel, das nur über beschwerliche und mühselige, ja strapaziöse Maßnahmen erreichbar ist, die die gesamte Existenz inkludiert – so jedenfalls die häufige Vorstellung. Dennoch ist die Erleuchtung im buddhistischen Kontext mehr oder weniger Motivation aller Praktizierenden. Es ist ein Versprechen: Am Ende der Bemühungen steht das Erwachen.


Aber es stellen sich da doch einige Fragen: Was ist Erleuchtung eigentlich? Und schließlich: Wie erreiche ich Erleuchtung? Was muss ich unternehmen, um Erleuchtung zu erfahren?



2. ERLÖSUNGS- UND ERLEUCHTUNGSVORSTELLUNGEN IN EUROPA, IM JUDENTUM UND DEM ISLAM
 

In der europäischen Geistesgeschichte finden wir das Lichtmotiv erstmals bei Platon (428/427–348/347 v. u. Z.). Hier wird Erleuchtung plötzlich wie ein Feuer entfacht.[1] Man solle Benennungen, Erklärungen, Ansichten und Wahrnehmungen aneinander reiben und so prüfen, dann könnten Einsicht und Verständnis über jeden Gegenstand aufleuchten.[2] Erleuchtung ist bei Platon also das Begreifen, das Erfassen, das Klarsehen der Wirklichkeit durch intellektuelle Auseinandersetzung. Weiter geht die Verwendung des Erleuchtungsmotivs im Westen über den von Plotin begründeten Neuplatonismus, „pagane“, also nichtchristliche, Mysterienkulte und christliche Mystik, Gnosis und Hermeneutik und die augustinische Illuminationslehre [Lateinisch: „Illuminatio“ – Erleuchtung].[3]
 

Das Frühchristentum verwendete zwar Lichtmetaphorik, verfügte aber nicht über ein eigenes destilliertes Konzept der Erleuchtung. Dennoch ist es interessant, dass die Lichtmethaphorik auch hier mit Erkenntnis einhergeht. So heißt es im Neuen Testament etwa: „Denn Gott, der gesagt hat: ‚Aus Finsternis wird Licht leuchten!‘, er ist es, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (2. Kor. 4,6). Im Frühchristentum war der zentrale Begriff die „Erlösung“. Durch den stellvertretenen Opfertod Jesu Christi erlangte man Erlösung. Erlösung von den Strafen Gottes für das eigene sündhafte Handeln, ja das eigene sündhafte Wesen. Immer noch gilt in der Theologie und im Volksglauben dieses Dogma. Die christliche Mystik, die mit Erleuchtungsvorstellungen einhergeht, ist heute weitgehend zurückgedrängt. Beim christlichen Mystiker Meister Eckhart (1260–1328 n. u. Z.) etwa ist das Ziel die Gotteserkenntnis durch auf Erfahrung gestützte Einsicht in die göttliche Gesamtwirklichkeit, in das „Urbild“, in das Eine. Damit nimmt er Bezug auf Platon und auch auf den Neuplatonismus. Weshalb uns Buddhisten dies hier bekannt vorkommt. Gibt es doch starke Parallelen zwischen den Termini antiker griechischer Philosophie und buddhistischer bzw. antiker indischer Ideenwelt. Beide haben sich in ihrer Entstehungszeit über die Jahrhunderte gegenseitig beeinflusst.[4]
 

Und auch in der jüdischen Mystik, ebenso wie im Koran finden wir Entsprechungen zur Lichtmetaphorik. Jedoch ähnlich wie beim Christentum ohne eigenes zugespitztes Erleuchtungskonzept. In Genesis 1, dem Schöpfungsbericht im Tanach, welchen die Christen „Altes Testament“ nennen, begegnen wir dem Ur-Licht, das sich vom Sonnenlicht unterscheidet. Es wird durch Gott geschaffen, vier Tage bevor die Sonne und die Himmelsleuchten erschaffen werden: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht.“ (Gen. 1,3) Das hier verwendete Wort ist „Or“ [Hebräisch: „אוֹר“ – Licht]. Oder wir finden bei Jesaja: „Steh auf, werde licht! Denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit des HERRN ist über dir aufgegangen. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völkerschaften; aber über dir strahlt der HERR auf, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und es ziehen Nationen zu deinem Licht hin und Könige zum Lichtglanz deines Aufgangs.“ (Jes. 60,1–3)[5]
 

Im Koran wird das arabische Wort „Nour“ [Arabisch: „نور“ – Licht] verwendet. Es bezeichnet als Metapher das Erkennen von Wahrheit.

Der im Buddhismus verwendete Sanskrit-Begriff „bodhi“ nun, am besten mit „Erwachen“ übertragen, findet sich auch in den Wörtern Buddha, „der Erwachte“, Bodhisattva, „Erwachenswesen“ und Bodhicitta, „Herz/Geist des Erwachens“. Wobei die Übertragung als „Erleuchtung“ durchaus berechtigt ist, wo sie eine plötzliche Eingebung, ein Aufwachen oder eine Erweckung bedeutet.[6]


3. ERWACHEN IM THERAVADA


Wir finden im Theravada, der ältesten existierenden buddhistischen Tradition, folgende Deutung von Erwachen: Erwachen ist Nibbana (Sanskrit: „Nirvana“ – „Erlöschen“). Das Ausscheiden aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und das Eingehen in eine völlig andere Existenzweise, die von der Überwindung der drei Wurzeln des Unheilsamen, nämlich Gier, Hass und Verblendung, gekennzeichnet ist. Es bedeutet die Freiheit von der Determiniertheit durch das Karma. Ein Erwachter hat sein letztes von unzähligen Leben gelebt. Nach seinem Tod wird er ins Parinibbana (Parinibbana, wörtl. „das völlige Nibanna“: in der Regel verwendet als Bezeichnung des nachtodlichen Zustands eines Erwachten), eingehen. Er wird vollkommen erlöschen.[7]

Der Erwachungsprozess vollzieht sich im Theravada in acht Stufen zu vier Paaren, was bedingt, dass es vier verschiedene Personengruppen auf dem Weg zum Erwachen gibt: den Stromeingetretenen, den Einmalwiederkehrenden, den Nichtwiederkehrer und den Heiligen. Sie alle haben eine bestimmte Stufe im Prozess zum Erwachen bewältigt. Diese Stufen sind genauestens definiert. So hat etwa der Stromeingetretene drei der zehn Fesseln abgelegt. Diese sind erstens Persönlichkeitsglaube, das heißt, ein erstes Loslassen des Selbst durch erste Einsichten in Anatta [Sanskrit: „Anatta“ – Nicht-Selbst: die Lehre, dass kein Wesenskern existiert, das „Ich“ oder „Seele“ genannt werden könnte. Es ist die Kernlehre des gesamten Buddhismus][8], zweitens das Anhaften an Regeln und Riten sowie drittens Zweifel, insbesondere an Buddha, Dharma und Sangha.[9]


4. ERWACHEN IM MAHAYANA


Der Mahayana, eine weitere Hauptrichtung des Buddhismus, aus der die im Westen äußerst populären Schulen des tibetischen Buddhismus (Vajrayana) hervorgegangen sind, sowie das chinesische Chan, aus dem später Seon in Korea, Thien in Vietnam und Zen in Japan geworden sind, legt einen gänzlich anderen, ja man muss sagen, mystischen Schwerpunkt. D.T. Suzuki (1870–1966) ein japanischer Autor, der als der international bedeutendste Theoretiker des Zen-Buddhismus gilt, schreibt: „Das Ziel des Zen ist das Erreichen eines neuen Blickpunkts für die Einsicht in das Wesen der Welt. Wer gewohnt ist, nach den Regeln des Dualismus logisch zu denken, muss sich von diesen Regeln frei machen (...).[10]“ Gemeint ist damit die Überwindung einer dualistischen Sicht auf die Welt. Und Anagarika Govinda, ein deutscher Religionswissenschaftler des letzten Jahrhunderts, der zum Vajrayana konvertierte, schreibt: „(...) Ziel ist vielmehr: Sich seiner seit je bestehenden, unteilbaren und ungeteilten Ganzheit bewusst zu werden. (...) Die Vollkommen-Erleuchteten sind jene, die zur vollkommenen Ganzheit erwacht sind.“[11]

Wobei angemerkt werden muss, dass die Idee von der Nichtdualität der Wirklichkeit bereits im Theravada angelegt ist. Buddhaghosa, ein bedeutender Gelehrter des Theravada-Buddhisms aus dem 4. Jahrhundert, meint dazu in seinem Hauptwerk Visuddhimagga („Weg der Reinheit“), das ein Bewusstsein, dass entweder noch nicht oder nicht mehr in die Zweiheit von Subjekt und Objekt zerspalten ist, identisch mit Nirvana sei.

Die heutigen Zen-Schulen, die allesamt von der von Hui-neng (638–713 v. u. Z.) gegründeten sog. „Südlichen Schule“ abstammen, haben zum Thema Erwachen übrigens ihre eigenen Termini. Sie unterscheiden zwischen „Satori“ und „Kensho“. Während „Satori“ [Japanisch: „悟り“ – Verstehen] als das ultimative Erleuchtungserlebnis gilt, das in der Regel nach langjähriger meditativer Vorbereitungszeit blitzartig auftritt und die Schau des wahren Wesens der Wirklichkeit ermöglicht, wird Kensho [Japanisch: „見性“ – Erschauen des eigenen Wesens, Natur erkennen] das „kleine Erwachen“ genannt, das einen zwar kurzen aber eindrücklichen Blick hinter den Vorhang der Illusionen auf die Wirklichkeit ermöglicht. Während die „Südliche Schule“ dieses blitzartige Erleuchtungserlebnis betont, das durch meditative Erfahrung und Überwindung des Intellekts erreichbar sei, stellte die „Nördliche Schule“, die auf Shen-hsiu (605–706 v. u. Z.) zurückging, die allmähliche Erleuchtung durch intellektuelle Durchdringung der Sutten heraus.



5. DEUTUNGEN ZEITGENÖSSISCHER BUDDHISTISCHER LEHRER


Stephan Batchelor, der mit seiner Arbeit versucht, die frühbuddhistische Lehre jenseits des Theravada zu rekonstruieren und als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Denker des westlichen Buddhismus gilt – aber auch sehr umstritten ist –, schreibt, als vollständig erwacht betrachten könne sich jemand, der die zwölf Aspekte der Vier Edlen Wahrheiten völlig verstanden hat. Diese zwölf Aspekte sind eine Erläuterung zu den Vier Edlen Wahrheiten. Sie beginnen mit der Feststellung „Dies ist das Leiden“, gehen über Schritt fünf und sieben „Das Leiden muss vollständig erkannt werden“ und „Seine Zerstörung muss verwirklicht werden“ und münden in den zwölften Aspekt „Der Weg, der zu seiner Zerstörung führt, ist beschritten worden“. Er schlägt vor, Erwachen nicht als „Wahrheiten“ zu begreifen, sondern als „Aufgaben“. Und so wird die buddhistische Grunddoktrin der Vier Edlen Wahrheiten bei Batchelor zu den Vier Aufgaben.[12]

David R. Loy, US-amerikanischer Philosoph, Autor und Zen-Buddhist, hat sich dagegen ganz der Philosophie der Nichtdualität der Wirklichkeit verschrieben. Und die Erfahrung der Nichtdualität von Wirklichkeit lässt sich sogar neurologisch beschreiben: „(…) Während mystischer Erfahrungen [verschmelzen] die Repräsentationen von Innen- und Außenwelt miteinander (…), weil es zu einer großräumigen Synchronisierung der EEG-Wellen im Gamma-Bereich kommt", so der Psychologe und Meditationsforscher Ulrich Ott.[13] Loy führt aus, dass sich aus der Erfahrung der Einheit von Subjekt und Objekt eine neue altruistische Ethik ergibt: „Wenn ich danach strebe, ‚meine Schäfchen ins Trockene zu bringen’, dann wird die Förderung meines Eigennutzes zu meinem Lebenssinn. Ist mein persönliches Wohl aber gar nicht vom Wohl anderer zu trennen, dann dürfte eine derartige Haltung auf Verblendung beruhen.“[14] Batchelor sieht dies übrigens ähnlich: Nicht die Ethik ist Voraussetzung, um Erleuchtung zu erlangen, Erleuchtung versetzt mich erst in die Lage, ethisch zu handeln.[15]

Für Thich Nhat Hanh, ein vietnamesischer Zen-Mönch und Friedensaktivist, bedeutet das Praktizieren von Meditation bereits Erleuchtung und Bernard Glassman, ein amerikanischer Zen-Meister und Gründer des Zen-Peacemaker-Ordens, ist der Überzeugung, dass man meditiert, weil man bereits erleuchtet ist. Diese Vorstellung geht auf Dogen Zenji (1200–1253), der als der erste japanische Patriarch des sog. Soto-Zen gilt, zurück. 


6. WAS DER HISTORISCHE BUDDHA GELEHRT HAT


Über das Erwachen von Buddha selbst heißt es im Pali-Kanon, dass er vom Wahn erlöst wurde: „Also erkennend, also sehend ward da mein Gemüt erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. (...) das Nichtwissen zerteilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zerteilt, das Licht gewonnen, (...)“[16]

Das über die vielen Jahrhunderte der Entwicklung des Buddhismus auch Vorstellungen in ihn Eingang fanden, die der historische Buddha Siddhartha Gautama so niemals gelehrt hat, liegt nahe. Nur, was hat denn nun Gautama selbst gelehrt? Johannes Bronkhorst, ein niederländischer Indologe und Spezialist für den frühen Buddhismus, identifiziert zwei wesentliche Kernlehren, die er auf den historischen Buddha zurückführt. Erstens ist dies die Lehre von Anatta und zweitens die Lehre von der Aufhebung von Dukkha. Er sieht die Vier Edlen Wahrheiten als authentisch an, wenn auch nicht in der Anordnung, wie wir sie heute kennen. Diese ist laut Bronkhorst Ergebnis späterer scholastischer Bemühungen, die Aussagen Gautamas zu systematisieren.[17] Die Einsicht von Anatta wurde benötigt, um die Sorge um immerwährende Wiedergeburten zu überwinden. Katja Triplett, Religionswissenschaftlerin an der Uni Göttingen, schreibt: „Der ‚normale’ Mensch (zu Zeiten Gautamas) wähnt sich in einem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten, in den er durch die illusionäre Annahme verstrickt ist, er hätte ein substanzhaftes Selbst (...). Diese Illusion gleicht einem Traum oder einem Schlummer, aus dem er durch eifrige Übung oder auch durch plötzliche Eingebung erwacht und seine wahre Lage versteht. Der erwachte Mensch ist durch dieses neue Wissen in dem Moment von dem leidvollen Zustand befreit oder ‚erlöst’.“[18]. Dies erinnert an die Strategie des antiken griechischen Philosophen Epikur (um 341 – 271/ 270 v. u. Z.), der als eines der Probleme des Menschen, die ihn daran hindern, glücklich zu sein, seine Angst vor den Göttern identifiziert. Um dies zu überwinden, empfiehlt er einen Perspektivwechsel: eine radikale Änderung der kontextuellen Grundannahme. Er meint, dass die Götter sich nicht um das Schicksal der Menschen kümmern. Sie greifen nicht in das Weltgeschehen ein, und man müsse deshalb ihren Zorn nicht fürchten. Für Epikur waren derlei Vorstellungen Aberglaube. Erleuchtung im epikureischen Sinne ist also die Korrektur einer falschen Annahme, die Leid erzeugt. Sowohl bei der Lehre von Anatta als auch bei der epikureischen aufklärerischen Haltung handelt es sich um einen Perspektivwechsel. Man blickt von einem anderen Standpunkt aus auf die Wirklichkeit. So werden die Voraussetzungen der vorherigen sorgebereitenden Sachlage schlicht ausgehebelt.

Die zweite Kernlehre, die laut Bronkhorst auf den historischen Buddha direkt zurückgeht, ist die von der Auflösung von Dukkha [Sanskrit: „duḥkha“ – schwer zu ertragen). Die ersten Edle Wahrheit trägt vor, dass das Leben Dukkha sei. Dukkha wird im Westen gern unpräzise mit „Leiden“ übersetzt [engl. „Suffering“], meint aber deutlich umfassendere unerwünschte Daseinserfahrungen. Der Pali-Kanon gibt genaue Auskunft, was Dukkha ist:

„Geburt ist dukkha, Altern ist dukkha, Krankheit ist dukkha, Tod ist dukkha; Sorgen, Trauer, Schmerz, Unwohlsein sind dukkha. Mit jemandem zusammen zu sein, den man nicht liebt, ist dukkha. Getrennt zu sein von dem, das man liebt, ist dukkha. Nicht zu bekommen, was man sich wünscht, ist dukkha."[19]

Wenn wir durch die Lehre von Anatta von dem Daseinskreislauf, also der immer wiederkehrenden Wiedergeburt, befreit sind, sind wir auf dieses eine jetzige Dasein zurückgeworfen. Und dieses Dasein ist nun mal von Dukkha durchdrungen. Es ist also sinnvoll, dass der Mensch nach der Angst vor Wiedergeburten im nächsten Schritt Dukkha überwindet, um vollständige Befreiung zu erlangen. Erleuchtung oder Erwachen im frühbuddhistischen Sinn ist also wohl das Erreichen eines sorgenfreien Lebens durch erstens einen Perspektivwechsel unseres Blickes auf die Wirklichkeit durch die Erkenntnis von Anatta und zweitens die persönliche Kompetenz, die emotionalen Irritationen des Lebens handhaben zu können, sodass sie uns nicht mehr beherrschen.


7. FAZIT
 

Der Frühbuddhismus setzt auf die Vorstellung von Anatta, um die Sorge vor weiteren von Dukkha geprägten Existenzen zu überwinden und strebt an, die Irritationen des jetzigen Daseins zu meistern. Für den Theravadin ist Erwachen ebenfalls der Austritt aus dem Wiedergeburtskreislauf. Der Wiedergeburtskreislauf wird durch die drei Wurzeln des Unheilsamen (Gier, Hass und Verblendung) genährt, die es deshalb schrittweise zu bewältigen gilt. Im Blick auf das jetzige Dasein wird eine völlige Befreiung von menschlichen Empfindungen angestrebt. Im Mahayana rückt die Lehre von der Nichtdualität der Wirklichkeit ins Zentrum. Alles ist mit allem verbunden, die Unterscheidung von Subjekt und Objekt ist aufgehoben, was einen befreiten, realitätsnahen Blick auf die Wirklichkeit erlaubt. Und bei zeitgenössischen buddhistischen Lehrern schlussendlich, vermischen sich die Deutungen, was Erleuchtung bzw. Erwachen sei, oft, oder verschiedene Deutungen existieren mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander.

Einen zentralen buddhistischen Erleuchtungs- bzw. Erwachensbegriff gibt es also nicht. Und eine echte Parallele zu den abrahamitischen Religionen schon gar nicht – am ehesten vielleicht zu der Mystik dieser Religionsfamilie –, auch wenn sich die Termini ähneln, denen sich Buddhismus und die abrahamitischen Religionen bedienen, was aber sicher dem Ideenaustausch zwischen dem antiken Griechenland und dem antiken Indien geschuldet ist. Hinsichtlich der Termini bediente sich das Christentum aus der antiken griechischen Philosophie und der Buddhismus aus seinem historischen indisch-philosophischen Kontext, die sich wiederum gegenseitig beeinflusst haben. Wenn wir im Buddhismus übergreifend von Erwachen sprechen wollen, dann – wohlwollend gedacht – vielleicht so, dass je nach Tradition ein anderer Aspekt dessen, was Erwachen eigentlich ist, in den Vordergrund tritt.


Es wird in diesem Zusammenhang häufig davon gesprochen, „die Dinge zu sehen, wie sie sind“. Nun sind die Dinge aber immer nur kultur- und zeitabhängig in irgendeiner Weise. Weshalb auch Erwachen in den verschiedenen Kontexten unterschiedlich gedeutet wird. Was aber nicht heißt, dass die vollzogene mystische Schau nichts Kultur- und Zeitunabhängiges zeigt. Darauf weisen schon die neurologischen Messungen, von denen Ulrich Ott schreibt, hin. In den Gehirnen aller mystisch Schauenden vollzieht sich Gleiches. Dieses Erleben deutet nun aber jeder Schauende entsprechend seinem Bezugssystem anders. Und hier treffen sich dann auch die beiden sich bedingenden Elemente von Erleuchtung oder Erwachen: erstens die meditative Schau und zweitens die intellektuelle Auseinandersetzung damit. Wenn man so will, geben sich an dieser Stelle Platon und Buddha die Hand. Ein zeitgemäßer westlicher Buddhismus hat also auch die Aufgabe, Erwachen in seinem eigenen Bezugssystem neu zu deuten. Doch wie könnte diese neue Deutung lauten? Dazu müssen wir zu den Wurzeln zurückkehren und viele traditionellen buddhistischen Vorstellungen respektvoll ad acta legen.

Tun wir das, bleibt dies: Ein Erwachter erreicht durch meditative Übung, dass er sich über seine Gefühle, Reaktionen und alle anderen Inhalte seines Geistes bewusst wird. Er ist nicht mehr Sklave seiner Befindlichkeiten. Durch Geistestraining werden die Gefühle nicht abgeschaltet aber der Erwachte wird in die Lage versetzt, seine Reaktionen zu kontrollieren. Dies wird von einem persönlichen Perspektivwechsel begleitet. Einem Perspektivwechsel in der Weise, wie der Erwachte auf das Dasein blickt. Auch dieser Perspektivwechsel ist dazu geeignet, das Leben spürbar zu verändern. Er wirkt zusätzlich Dukkha-mindernd, weil der Erwachte aus falschen Ansichten heraustritt, diese lediglich als Konzepte der Wirklichkeit erkennt und somit zu relativieren der Lage ist. Der Mensch erwacht in diesem Sinn zur Freiheit. Eine Freiheit, die keine religiösen Elemente mehr aufweist. Der Erwachte lässt die Religion hinter sich, weil er alle Konzepte hinter sich lässt. Das ist es, was Siddhārtha Gautama, der historische Buddha, lehrte. Das ist Erleuchtung.

* zuletzt überarbeitet: 14. Oktober 2018


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1 Platon, Siebter Brief 341c–d.
2 Platon, Siebter Brief 344b.
3 Vgl. Renger, Erleuchtung, S. 14
4 Vgl. Thomas McEvilley, The Shape of Ancient Thought: Comparative Studies in Greek and Indian Philosophies.
5 Alle Bibelstellen nach der Übersetzung der Elberfelder Bibel wiedergegeben: https://www.bibleserver.com/start/ELB.
6 Vgl. Renger, Erleuchtung, S. 367.
7 Vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren, S. 42 -> „Bodhi“, S. 106 -> „Erleuchtung“.
8 Vgl. Nyanatiloka, Buddhistisches Wörterbuch, S. 24 -> Anatta.
9 Vgl. im Palikanon u.a.: http://www.palikanon.com/wtb/ariyapuggala.html. Die Vorliebe altindischer Philosophie für Listen und Stufen ist hier deutlich erkennbar. Sie versucht, die Erfahrung der Wirklichkeit auf diese Weise zu systematisieren.
10 Suzuki, Die große Befreiung, S. 122.
11 Govinda, Grundlagen tibetischer Mystik, S. 103.
12 Vgl. das Essay Stephen Batchelors „Ein säkularer Buddhismus“: http://www.saekularerbuddhismus.org/?page_id=1251, letzter Zugriff am 16.11.17.
13 Ott, Meditation für Skeptiker. S. 121.
14 Loy, Erleuchtung – Evolution – Ethik, S. 155 f.
15 Vgl. Batchelor, Jenseits des Buddhismus.
16 Majjhima Nikaya 4: http://www.palikanon.com/majjhima/m004n.htm.
17 Vgl. Antes, Der Buddhismus I: S. 23 ff.
18 Renger, Erleuchtung, S. 367 f.
19 Majjhima-Nikaya 141: http://www.palikanon.com/majjhima/m141n.htm.




LITERATUR

Batchelor, Stephen
Jenseits des Buddhismus: Eine säkulare Vision des Dharma, Edition Steinreich, Berlin 2017

Brinkhorst, Johannes
Die buddhistische Lehre, in: Der Buddhismus I: Der indische Buddhismus und seine Verzweigungen, Peter Antes, Hubert Canick, Burkhard Gladigow und Martin Grechat (Hrsg.), Band 24,1, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2000

Brugger, Walter/Schöndorf, Harald
Philosophisches Wörterbuch, Verlag Karl Alber, Freiburg im Breisgau 2010

Buddhaghosa
Visuddhi-Magga, „Der Weg zur Reinheit“: Die größte und älteste systematische Darstellung des Buddhismus, aus dem Pali übersetzt von Nyanatiloka Mahathera, 8. Auflage (unveränderter Nachdruck der 3., revidierte Auflage), Theravadanetz in der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), München 2014

Cemig, Katharina
Spiritualität im 21. Jahrhundert, Phänomen-Verlag, Sencelles 2012

Dörrie, Heinrich
Überlegungen zum Wesen antiker Frömmigkeit, in: Pietas. Festschrift für B. Kötting, Münster 1980

Govinda, Lama A.
Grundlagen tibetischer Mystik, Aquamarin Verlag GmbH, Grafing 2008

Lexikon der östlichen Weisheitslehren

Buddhismus, Hinduismus, Taoismus, Zen. Scherz Verlag, Bern, München, Wien 1986

Loy, David R.
Erleuchtung, Evolution, Ethik: Ein neuer buddhistischer Pfad, Edition Steinreich, Berlin 2015

McEvilley, Thomas
The Shape of Ancient Thought: Comparative Studies in Greek and Indian Philosophies, Allworth Press, New York 2002

Nyanatiloka
Buddhistisches Wörterbuch: kurzgefasstes Handbuch der buddhistischen Lehren und Begriffe in alphabetischer Anordnung, 5. Auflage, Verlag Berlein & Steinschulte, Stammbach-Herrenschrot 1999

Ott, Ulrich
Meditation für Skeptiker: Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst, Droemer, München 2015

Platon
Werke in 8 Bänden, griechisch – deutsch, 7., unveränd. Aufl., Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016

Renger, Almut-Barbara (Hrsg.)
Erleuchtung, Kultur- und Religionsgeschichte eines Begriffs, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Riedl, Peter

Möge die Übung gelingen, U/W Verlag, 1. Auflage, Wien 2016

Röd, Wolfgang (Hrsg.)
Geschichte der Philosophie, Bände 1–3: 3. überarbeitete und aktualisierte Auflage, Verlag C.H.Beck, München 2009

Suzuki, Daisetz T.
Die große Befreiung: Einführung in den Zen-Buddhismus, O. W. Barth Verlag, Neuausgabe, München 2012

Thich Nhat Hanh
Aus Angst wird Mut: Grundlagen buddhistischer Psychologie, Theseus-Verlag, 6. Auflage, Bielefeld 2014.

Wehr, Gerhard
Meister Eckhart: Texte und Kommentar, Marixverlag, Wiesbaden 2010

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